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Charlotte Kerner

06.06.2007 LUO-LESUNG IN DER AKADEMIE FÜR TONKUNST

Jugendbuchautorin Charlotte Kerner liest für Lichtenberg-Schüler aus "Blueprint"

** "Tautropfen" von Violeta Dinescu aufgeführt* *

*Was fühlt ein geklonter Mensch?*

Mitunter heißt es nach Lesungen "Jetzt dürfen Fragen gestellt werden" - und dann herrscht betretenes Schweigen. Als die Autorin Charlotte Kerner in der Akademie für Tonkunst vor Schülerinnen und Schülern der Lichtenberg-Schule aus ihrem Jugendbuch "Blueprint" las, war das Echo dagegen beeindruckend. Offensichtlich gut vorbereitet und persönlich interessiert am Thema bombardierten die Fünfzehn- und Sechzehnjährigen die Besucherin mit Fragen zum Buch, zum Schreiben allgemein, zur Verfilmung und zur Musik, die mit dieser Geschichte eines geklonten Mädchens verbunden ist. Mit Hilfe des jungen Pianisten Christoph Bornheimer und des Klarinettisten Michael Schmidt war es den Veranstaltern sogar gelungen, die Komposition "Tautropfen" der Komponistin Violeta Dinescu in das Programm einzubinden.

Charlotte Kerner, 1950 in Speyer geboren, kam über den Wissenschaftsjournalismus zum Schreiben und ist unter anderem durch ihre Frauen-Biografien bekannt. Sie schrieb über die Atomphysikerin Lise Meitner, über Frauen, die den Nobelpreis bekamen, über Astronominnen ebenso wie über die Architektin Ellen Grey, über die Benediktinerin Hildegard von Bingen ebenso wie über die Naturwissenschaftlerin Maria Sybilla Merian (alle Bücher sind bei Beltz & Gelberg erschienen). Sie lebt mit ihrem Mann und einem Sohn in Lübeck.



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Für den Roman "Blueprint - Blaupause" wurde sie im Jahr 2000 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.Es geht dabei um eine hochbegabte Pianistin und Komponistin, die an Multipler Sklerose erkrankt und sich klonen lässt, damit ihr Talent erhalten bleibt. Aus Iris Sellin wird also die Tochter Siri, die sich als Blaupause, als "Tochterzwilling" ihrer Mutter empfindet. Deren Ehrgeiz und Manipulationen ausgesetzt, wird die Jüngere seelisch krank und kann erst, als die Mutter stirbt, von dem ihr zugewiesenen Lebensweg abweichen und eine eigene Identität finden. Charlotte Kerner hat hier eine alltägliche Pubertätsgeschichte, die Ablösung vom Elternhaus, in die Zukunft verlegt. "Siri ist sozusagen das erste Designer-Baby, also ein Modell für das, was in Zukunft möglich sein wird", erläuterte die Autorin vor ihrem jungen Publikum.

Das Buch werde eigentlich immer aktueller, meinte sie. "Mich hat nicht so sehr die wissenschaftliche Seite interessiert, sondern die Frage, wie die Menschen damit umgehen. Wie fühlt sich ein Mensch, der geklont ist?" Dennoch merkt man Buch und Autorin an, wieviel wissenschaftliche Recherchen ihrem Schreiben vorausgehen. Bei Besuchen in Genforschungs-Instituten, durch Gespräche mit Familientherapeuten und Zwillingsforschern erarbeitete sich die Autorin von 1993 an ein Grundwissen, von dem Jahr an also, als amerikanische Forscher erstmals ein Embryo klonten. Als die erste Fassung des Buches noch unvollendet in der Schublade lag, wurde 1997 das Schaf Dolly geklont, und bis zu seinem Erscheinen im Jahr 1999 war das Interesse der Leser an diesem Thema immer mehr gestiegen. 2003 wurde das Buch mit Franka Potente in der Hauptrolle verfilmt, und auch der Film war im Unterricht besprochen und von den Schülerinnen und Schülern nicht ohne Kritik aufgenommen worden.

Charlotte Kerner ging einfühlsam auf die Fragen der jungen Leute ein, und obwohl ihr selbst auch nicht alles gefällt, was mit der Verfilmung an Veränderungen einhergeht, warb sie doch um Verständnis. Vieles sei im Buch einfach leichter zu schreiben, im Film müsse alles sichtbar gemacht werden - und meist fehle eben das Geld, um alles zu realisieren. Abgesehen von einer Liebesgeschichte und dem geänderten Schluss ist es vor allem die Musik, die im Film eine andere ist, denn die im Buch vorkommenden Stücke eignen sich nicht als Filmmusik. Charlotte Kerner hatte sich, als sie an dem Buch schrieb, an die Musikhochschule in Lübeck gewandt, mit der Bitte, eine Komponistin zu finden, die zu der Figur der Iris Sellin passe. "Bei solch einer emanzipierten, gut ausgebildeten und hochbegabten Frau würden wir das Klonen vielleicht tolerieren". So kam sie zu der in Deutschland lebenden Komponistin Violeta Dinescu, deren Titel ihr alle wie gemacht für das Buch erschienen. In "Blueprint" geht es vor allem um das Stück "Tautropfen", mit dem Siri sozusagen schon im Mutterleib (auch geklonte Babys werden ausgetragen) auf ihre Musikerkarriere vorbereitet wird.

Der Abiturient und Jugend-musiziert-Preisträger Christoph Bornheimer am Klavier und Michael Schmidt, Solo-Klarinettist der Staatsoper, trugen das Stück vor, das wenig auf Rhythmus, vielmehr auf Klangfarbe ausgerichtet ist. Es sorgte trotz der hervorragenden Umsetzung für leichte Unruhe im Publikum. Neue Musik ist ungewohnt für viele Ohren, umso bemerkenswerter, dass sich die Schülerinnen und Schüler auf dieses Experiment offensichtlich gerne einließen und die Musiker mit viel Beifall bedachten.

Auch die anschließenden Fragen zeigten, wie intensiv sich die Jugendlichen mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. Und Charlotte Kerner, die ihr Buch bewusst nicht als Plädoyer pro oder contra konzipiert hatte, vertrat im Gespräch mit ihren Zuhörern jedoch eine eindeutige Meinung: "Sollen wir Methoden wirklich zulassen, bei denen es nicht mehr darum geht, Erbkrankheiten auszumerzen, sondern bei denen es darum geht, den Menschen zu verbessern? Ich habe keinerlei Illusionen: Die Menschen werden geklont werden oder sich klonen lassen. Aber ich persönlich würde mich nicht klonen lassen, und ich bin dafür, dass es verboten bleibt - weil es gegen die Menschenwürde ist."

Sabine Schwieder, Journalistin


letzte Änderung: 26.03.2010
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