Geschichte
"Helden, verehrt, verkannt, vergessen" - ein Thema für die LUO?
Manche mögen die Nase rümpfen über das neue Thema des diesjährigen Geschichts-wettbewerbs des Bundespräsidenten. Wer braucht oder will schon Helden? Gerade in Deutschland gibt es ein gebrochenes Verhältnis zum Heldentum vergangener Tage.
Zu offensichtlich wurden Helden gerade im militärischen Bereich zu solchen stilisiert, wurde der Heldentod ideologisch überhöht und propagandistisch missbraucht. Politiker wie
Bismarck wurden in eine Helden-Aura gerückt, die uns heute eher erstaunt und befremdet. - Aber der Helden-Begriff taucht in letzter Zeit immer häufiger bei Theaterstücken, Bandnamen, Liedern, Politiker- Reden und bei allen möglichen anderen öffentlichen Anlässen auf. Die Rede vom "Helden" boomt. Und immer mehr Menschen sind bereit, das Heldenhafte im Alltag zu suchen. Ist das eine Demokratisierung oder Inflationierung des Begriffes? Braucht die Demokratie Helden oder sollten wir uns von der Suche nach Helden frei machen? Welche Helden wurden ungerechterweise verkannt, welche wurden geehrt und kamen damit vielleicht gar nicht zurecht? Welche wurden vergessen und welche sollten eher kritisch beurteilt werden?
Alle, die sich kritisch mit Helden oder Nicht-Helden früherer Tage im neuen Geschichts-wettbewerb auseinandersetzen wollen, sind herzlich eingeladen, sich mit dem Wettbewerb vertraut zu machen. Auch Mittelstufenklassen könnten sich mit heldenhaftem Verhalten in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis der Familie auseinandersetzen.
Möglich ist sowohl die Teilnahme einer ganzen Klasse oder eines ganzen Kurses als auch Einzel- oder Partnerarbeiten. Insbesondere für SchülerInnen der Jahrgangsstufe 12 könnte der Wettbewerb als Besondere Lernleistung ins Abitur einfließen und damit eine mündliche Prüfung oder eine Präsentationsprüfung im fünften Fach ersetzen. Dafür gelten jedoch besondere Fristen.
Eingeladen sind insbesondere die SchülerInnen der Jahrgangsstufen 6 bis 12, die sich mit ihren GeschichtslehrerInnen über mögliche Themen und Wettbewerbsbeiträge verständigen können. Alle Interessierten können sich zwecks Themenabsprache auch an die Geschichts-lehrerinnen Margit Sachse und Helga Stichel wenden, die sich bereits im Stadtarchiv mit Hilfe von Frau Sabine Lemke einen ersten Überblick über Aktenbestände zu Darmstädter "Heldinnen" und "Helden" verschafft haben. Das Spektrum ist weit gefächert.
Einige Beispiele für mögliche Darmstädter Themen seien genannt:
War Heinrich Wilhelm August von Gagern (1799-1880) ein Held der Revolution von 1848/49? Welche Rolle spielte die Suche der Deutschen nach einem Helden bei seinem Aufstieg zum zeitweise mächtigsten Mann in Deutschland?
Welche Rolle spielte der in Darmstadt begrabene ehemalige Präsident der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 für Darmstadt und Umgebung?
Im Zusammenhang mit dem 100jährigen Jubiläum des Frauenstudiums in Darmstadt (große Ausstellung in der TU) könnte man untersuchen, welche heldenhaften Pioniere Darmstadt im Bereich des Frauenstudiums aufzuweisen hat: z. B. die 1849 in Darmstadt verstorbene Ärztin Charlotte von Siebold oder ihre Tochter, deren Dissertation aus dem Jahr 1817 über Frauenheilkunde im Stadtarchiv Darmstadt vorliegt.
Was haben Frauen geleistet, die in der damaligen Zeit ihre Ziele äußerst engagiert verfolgen?
Untersucht werden könnten die Umstände für die Erbauung des Bismarck-Denkmals in Darmstadt. Warum entstanden in allen Städten Deutschlands Bismarck-Säulen? Was waren in Darmstadt die Hintergründe und Antriebskräfte dafür?
Berichte und Akten liegen vor über rituelle Gedenkfeiern an Kriegsgräbern. Aber es gibt auch einen Aktenbestand über den Kampf um die Plakette für den unbekannten Deserteur in der Lauteschlägerstraße 15. Hier könnte überaus spannend über unterschiedliche Helden-Konzepte gearbeitet und nachgedacht werden.
Auch die Heldengedenkfeiern in Darmstadt anlässlich der Jahrestage des 20. Juli 1944 könnten untersucht werden.
Mitglieder der jüdischen Gemeinde könnten zu ihrer Einstellung zu heldenhaftem Verhalten in schwerer Zeit befragt werden. Anlässlich der diesjährigen Eröffnung der Gedenkstätte der liberalen Synagoge in Darmstadt werden viele Zeitzeugen in die Stadt kommen.
Eine Zeitzeugin für kommunistischen Widerstand gegen die Nationalsozialistische Gewalt-herrschaft oder Mitglieder der bekennenden Kirche könnten in den Zeugenstand treten. Es wäre spannend zu erfahren, was sie unter Helden verstanden und heute noch verstehen.
Die Darmstädter Brandnacht vom 11. September 1944 könnte ein Anlass sein, mit Zeitzeugen über heldenhaftes oder nichtheldenhaftes Verhalten von Mitmenschen in einer existenzbedrohenden Krisensituation zu sprechen...
Weitere wichtige DarmstädterInnen waren Luise Büchner, Wilhelm Leuschner, Martin Niemöller, der Polarforscher Weyprecht...
Sicher gibt es noch viele weitere Ideen. Man muss nur mit offenen Augen durch die Stadt laufen und mutig fragen. Kritisches Hinterfragen lohnt sich!
Wir freuen uns über reges Interesse und viele Nachfragen und Themenvorschläge!
Margit Sachse
Helga Stichel
für die Fachschaft Geschichte
Wer eine ironische Auseinandersetzung mit dem deutschen Heldentum am
Beispiel der Loreley mag, dem sei dieses Gedicht empfohlen:
Erich Kästner
Der Handstand auf der Loreley
Nach einer wahren Begebenheit 1932
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.
Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.
Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.
Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.
Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.
Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.
Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!
P. S. eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.
letzte Änderung: 04.10.2008